Auf den Spuren der Gastfreundschaft

Seit mehreren Tausend Jahren nehmen Gastgeber Gäste bei sich auf. Im frühen Mittelalter nur im privaten Rahmen existent, hat sich die Gastfreundschaft im Laufe der Zeit professionalisiert. Eines ist bis heute gleich geblieben: Die Absicht, dass der Gast zufrieden das Haus verlässt.

Text: Dr. Angela Dettling, Historikerin, Leiterin Geschichtsvermittlung Museum Aargau und stv. Direktorin
 

Über die Gastfreundschaft vergangener Zeiten wissen wir Bescheid aus Autobiografien, Traktaten zur Verbesserung der christlichen Lebensweisen oder aus Gerichtsakten und Haushaltbüchern. Die ersten Überlegungen zum Thema finden wir bei den Griechen und Arabern, welche sowohl philosophisch wie auch praktisch über die Gastfreundschaft nachgedacht und ihre Gedanken und Antworten niedergeschrieben haben.

Die Gastfreundschaft im Mittelalter basierte auf all diesen antiken Texten, aber vor allem auf der Bibel. Die Gleich nisse von Jesus als Gast wurden auf die mittelalterlichen Lebenswelten übertragen. Dazu kamen praktische Regeln, die als Gastgeber eingehalten werden mussten: Fremde Reisende konnten an die Türen privater Häuser klopfen und eine Unterkunft erbitten. Sie mussten höchstens drei Tage aufgenommen werden – eine Bezahlung war erwünscht.

Gasthäuser als Antwort auf die steigende Mobilität

Während im frühen Mittelalter (vor 1000) solch private Unterbringungen die Norm waren, entstanden mit der Zeit Gasthäuser und Tavernen, in denen sich die Wirte als öffentliche Dienstleister verstanden. Tavernen hatten keine Gästezimmer, sondern nur Getränkeausschank, mit und ohne Alkohol. Gasthäuser mit Gästezimmern entstanden, weil im Früh- und Hochmittelalter immer mehr Menschen reisten. Neben dem König, welcher ständig unterwegs war, reisten auch viele Adlige zwischen ihren Besitzungen hin und her. Tausende von Pilgern wanderten durch ganz Europa und Händler und Kaufleute reisten von Markt zu Markt. Einige findige Privatpersonen, welche für fremde Reisende Zimmer bereithielten, begannen, ihre Häuser zu kennzeichnen. Zuerst nur mit Ästen oder Kränzen, später mit auf einem hohen Pfahl aufgehängten Reifen von alten Weinfässern oder den heute noch bekannten geschmiedeten Wirtshausschildern. Wer sich dazu entschloss, ein öffentliches Gasthaus zu eröffnen, musste auch im Mittelalter verschiedene Gesetze einhalten: Man durfte nicht unlauter Gäste anwerben, Waffentragen war verboten, es gab Öffnungs- und Schliesszeiten, und die Namen der Übernachtungsgäste mussten der Obrigkeit gemeldet werden.

Das älteste bekannte Gasthaus der Schweiz steht übrigens in Wettingen. Das heutige Restaurant Sternen auf der Klosterhalbinsel wird 1227 erstmals erwähnt. Seine Funktion war halböffentlich, diente das «Weiberhaus» doch der Unterbringung weiblicher Verwandter und Bekannter der Mönche.

Regeln im Gasthaus

Gasthäuser waren Orte des Schutzes und des Friedens. Sobald der Gast oder die Gästin (ein im Mittelalter üblicher Begriff) über die Schwelle des Hauses getreten war, galten die Gesetze des Gasthauses. Beide Parteien hatten Pflichten. Der Wirt haftete für das fremde Gut im Haus und ebenfalls für das Leben des Gastes. Der Gast dagegen gab seine Waffen ab und hatte alle Verköstigungen und das Nachtlager zu bezahlen.

Das Schlafzimmer wurde einem vom Wirt oder der Wirtin zugewiesen. Ganz gleich, wie gross das Gasthaus war, die Zimmer bzw. die darin sich befindlichen Doppelbetten wurden von zwei Gästen geteilt. Auch wenn sich die beiden fremd waren. Natürlich galt auch hier die strikte Trennung von Mann und Frau, manchmal gar bei Verheirateten. Der Humanist Erasmus von Rotterdam schrieb in seinem Traktat De civilitate morum puerilium von 1530, wie man sich in solch einer Situation zu verhalten habe. Er meint, man solle nicht zu viel schwatzen, sich nicht nackt zeigen, ruhig liegen, sich im Bett nicht entblössen und dem Bettpartner nicht die Decke wegziehen! Dieses Gemeinsam-im-gleichen-Bett-schlafen fand in verschiedenen Varianten statt, nicht nur in öffentlichen Gasthäusern. Auch in privaten Häusern wurde Gästen die Ehre zuteil, mit dem Gastgeber das Bett zu teilen. Dieses Privileg brachte Gast und Gastgeber in ihrer Freundschaft näher. Der englische Unterhausabgeordnete Samuel Pepys (1633-1703) schrieb in seinem heute berühmten Tagebuch, dass er gar Besprechungen in seinem Bett abhielt und Verträge abschloss.

Feste und Rituale im Gasthaus

Gasthäuser besuchte man schon im Mittelalter für gemeinsame Feste wie Taufen, Geburtstage oder Universitätsabschlüsse. Hier nun waltete der Gastgeber allein. Er bestimmte das Menü, die Getränke und natürlich die Sitzordnung. Diese wurde nicht nach Sympathie gestaltet, sondern war klaren Regeln unterstellt. Die Platzierung der Gäste erfolgte nach deren Stand, nach ihrer Machtposition und ihrem Reichtum. Niemand konnte seinen Sitzplatz selbst aussuchen. Der Gastgeber, die Gastgeberin, sassen oben am Tisch. Ganz unten am Tisch, oder jedenfalls am weitesten weg, sassen dann die «unwichtigen» Gäste. So variierte die Sitzordnung für jeden Gast je nach Zusammensetzung der eingeladenen Gäste. Alle waren sich dessen bewusst und eine Veränderung in der Sitzfolge wurde peinlichst genau registriert. Immer gab es Ab- und Aufsteiger in der Rangordnung. Dies konnte für die Betroffenen politische aber auch soziale Folgen haben.

Ganz wichtig war, dass sich alle Gäste richtig verhielten. Streitgespräche waren verpönt, ebenso kleine Gesprächsgruppen, die sich absetzten. Die eingeladenen Gäste waren dazu verpflichtet, ihrerseits die Gastgeber zu einem späteren Zeitpunkt einzuladen. Schon damals wurden Gastpräsente geschätzt, waren aber nicht obligatorisch.

An der Tafel wurde natürlich auch getrunken. Anders als heute haben die Gäste aber nicht mit ihren Bechern angestossen. Und ebenfalls anders als heute galt ein Trinkzwang. Jeder hatte Wein zu spenden. So war klar, dass bei einer grösseren Trinkrunde sehr viel Wein floss! Hatte der Gastgeber erst kürzlich einen Trinkbecher geschenkt bekommen, war es seine Pflicht, diesen ständig gefüllt zu haben und ihn bei seinen Trinkgenossen herumzureichen. Ebenfalls musste er ausführlich erzählen, von wem und wieso er diesen Becher geschenkt bekommen hatte.

Vergleich zu heute

Es zeigt sich, dass viele Regeln der Gastfreundschaft aus dem Mittelalter wohl heute schwer umsetzbar wären: Die kurzfristige Aufnahme fremder Reisender ins private Heim; Bezahlung des Essens bei einer privaten Einladung oder das Teilen des Bettes mit einer fremden Person. Und den Luxus, den man heute in einem teuren und erstklassigen Hotel geniessen kann, ist im Mittelalter nur mit königlichen oder kurfürstlichen Höfen vergleichbar.

Was gleichgeblieben ist, liegt in der menschlichen Natur: ein feines Essen mit Freunden zu geniessen, ein paar Gläser Wein mit spannenden Gesprächen zu verbinden und natürlich ein guter Gastgeber, eine gute Gastgebin. Diese Dienstleistungen machen den Gast und die Gästin seit jeher glücklich!

 

Der Artikel basiert auf einem Vortrag vom September 2019 am Forum für Frauen im Gastgewerbe von GastroSuisse auf Schloss Lenzburg.

Quellen und Nachweise sind bei der Autorin erhältlich.

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